Erstaufführung in Hannover: 106 Jahre nach der Uraufführung zeigt die Staatsoper erstmals „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold. Ilaria Lanzino fokussiert sich in ihrer Lesart auf die Beziehung der gestorbenen Frau Marie des Protagonisten zur Tänzerin Marietta. Vor düster-depressiven Bildern in schwarz und weiß animiert Mario Hartmuth am Pult das Staatsorchester zu einer hochkonzentrierten, präzisen und charakterstark-ausdifferenzierten Interpretation der hochromantischen Musik, die die Grenzen der Tonalität auslotet.
Der nicht mal 20jährige hatte mit der Komposition der „Toten Stadt“ einen Opern-Welterfolg gelandet. Nachdem in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, blieb der 1897 in Brünn (Österreich) geborene Jude in den USA, wo er sich einen Namen als Filmmusik-Komponist machte. Und das erfolgreich: zwei Oscars erhielt er, und die heute großen Filmkomponisten des Hollywood-Kinos, John Williams und Hans Zimmer, berufen sich auf Korngold als Vorbild.
Das klingt auch in der „Toten Stadt“ an. Neben vielen anderen Einflüssen: Vor allem Richard Strauss klingelt und jauchzt bisweilen aus den Geigen und Flöten hervor, während die große Linie und das crescendierende Klangrauschen und Flirren durchaus an Richard Wagner erinnert. Nichtsdestotrotz variiert und benutzt Korngold ein wahres Sammelsurium an musikalischen Techniken und Systemen.

Furios und omnipräsent spielt sich das Orchester unter der versierten Leitung seines stellvertretenden GMDs Hartmuth durch die reichhaltige und komplizierte Partitur. Diese Leistung zählt zum musikalischen Höhepunkt des Premierenabends. Das Raunen und Flirren in den Zwischenspielen, die wahnhaften Szenen des Pauls und das versöhnliche Ende mit veritablen „Rosenkavalier“-Anklängen gelingen exakt, differenziert und packend.
Die Inszenierung der italienischen Regisseurin zeigt die geträumte Trauerwelt des Protagonisten Paul, der in Marietta seine tote Frau sieht. Das Libretto von „Paul Schott“, Pseudonym für Vater und Sohn Korngold, weist Schwächen gerade mit Blick auf die Marie auf, die kaum charakterisiert, geschweige denn als Sängerin einbezogen wurde. So singt nur Paul von ihr, das dauernd und immerfort. Aber warum sie starb, lässt das Original offen.
Hier setzt die Neuproduktion an: In Hannover brachte Marie sich nämlich um. Schlitzte sich die Pulsadern auf in schwerer Depression. Die Regie entwirft ein Spiel mit tradierten und stereotypen Frauenbildern, die im Kopf des Mannes Paul entstehen und durch die depressiv-düstere Bilderwelt mit KI unterstützten Bildern von Max Schweder und im Bühnenbild von Martin Hickmann eine packende Verstärkung finden. Insgesamt ist das eine Produktion von sehr hohem und ansprechendem Niveau, die mit interessanten und nachvollziehbaren Mitteln arbeitet und überzeugt.

Zu Beginn trauert Paul am weißen Sarg hinter Kerzen und Blumenvase, die auch Urne sein könnte. Der Sarg entpuppt sich schnell als Badewanne, in der sich Marie die Pulsadern aufschnitt. Paul und Maries Sohn sitzt auf dem Schoß von Haushälterin Brigitta (Anthea Barać mit strahlend-kräftigem, flutenden Mezzo), als das Spiel in den Gedanken beginnt. Es ist Trauma-Trauerarbeit, die die „Tote Stadt“ ja entwirft, und so entspinnt sich die Handlung in verschwimmenden Rückblenden und Überschneidungen von Realität und Traum. Da macht es Sinn, dass die Beziehung von Marie zu der Tänzerin Marietta, die Paul in Wirklichkeit trifft, besonders herausgestellt wird.
Am Anfang erscheint die im weißen Brautkleid auftretende Marie bei Paul. Es ist aber Marietta, die aus dem Off singt, von der Statistin nur durch Lippenbewegung angedeutet. Schließlich glaubt Paul ja auch im Original in Marietta seine tote Frau wieder zu erkennen. Das wirkt und ist der Ausgangspunkt eines interessanten Wechselspiels zwischen den beiden Frauen-Stereotypen, der heiligen Marie und der verruchten Tänzerin Marietta in schwarzem Glitzerkleid (Kostüme Vanessa Rust).

Paul liest Maries rotes Tagebuch. Schmerzhaft muss er erkennen, wie sehr seine Frau depressiv geworden und leidend immer tiefer in einen scheinbar ausweglosen Teufelskreis hineingeriet, der sie in den Selbstmord trieb. Mirko Roschkowski spielt und singt die Hauptrolle präsent und von hoher darstellerischer Kraft. Sein lyrischer Tenor punktet in den wehmütig-verzweifelten Passagen. Schön seine nuancierte Textbehandlung, muss er im Verlauf der schweren Partie dann doch Abstriche gerade in den Höhen machen.
Der Schlussakt spielt als sehr zutreffende inszenatorische Zuspitzung direkt auf Maries Beerdigung. An dessen Ende steigt Paul selbst in den weißen Badewannen-Sarg, nachdem er Marietta im schwarzen Sarg zurückgelassen hat.

Marietta wird von Kiandra Howarth nach anfänglich zurückhaltender Ausdruckskraft immer freier aussingend mit blühendem Sopran der warm flutet, gegeben. Peter Schöne singt einen überaus deutlichen und ausdrucksstarken Frank, der schön steif und starr den biederen Freund Maries und Pauls gibt. Aus dem Tänzer:innenensemble ragt Max Dollinger als Fritz mit formschön-ausdruckstarkem Bariton hervor. Der Chöre unter Einstudierung von Lorenzo da Rio singen packend und einheitlich aus.
Die Oper endet, nachdem Paul seine Trauer verarbeitet hat und mit Freund Frank die tote Stadt Brügge vielleicht verlassen wird. Da sind der Traum und das Spiel der Stereotype eigentlich schon vorüber, aber Marietta steht plötzlich in Alltagskleidung auf der Bühne. Das Stereotyp zwischen schwarz und weiß ist in der Realität also überwunden. Das wirkt ein wenig gestelzt, aber wir möchten es glauben.
Sehr viel Applaus für alle Beteiligten. Weitere Vorstellungen am 14., 23., 29. Mai und am 7., 18., 27. Juni 2026.