Von Liebe und Macht an der Weltesche: Sláva Daubnerová zeigt an der Prager Oper „Das Rheingold“ zwischen Anfang und Ende, Alpha und Omega, Eros und Thanatos. Robert Jindra steuert am Pult eine Musik ohne viel Interpretation kapellmeisterartig-aufrichtig bei.
An der Weltesche gab Wotan einst ein Auge hin. Der Grund dafür wird in Richard Wagners Tetralogie dabei allerdings unterschiedlich bewertet: Ob es nun für seine Frau Fricka war, wie er selbst im „Rheingold“ behauptet („Um dich zum Weib zu gewinnen, mein eines Auge setzt‘ ich werbend daran“) oder es doch so war, um wissend und mächtig zu werden, wie es in der „Götterdämmerung“ die Nornen rekapitulieren („Ein kühner Gott trat zum Trunk an den Quell; seiner Augen eines zahlt‘ er als ewigen Zoll. Von der Weltesche brach da Wotan einen Ast; eines Speeres Schaft entschnitt der Starke dem Stamm.“), könnte auch als offene Ungereimtheit angesichts der Text-Länge über vier Abende hinweg ausgelegt werden.
Ist es aber nicht: Das zeigt die slowakische Regisseurin Sláva Daubnerová in ihrer Produktion für die Prager Nationaloper. Denn im Vorabend der Tetralogie, dem „Ring des Nibelungen“, geht es ja ganz zentral darum, dass nur derjenige Macht erlangen kann, der auf die Liebe verzichtet. Nur so kann Alberich den Rheintöchtern gleich zu Beginn das Gold klauen und daraus den Ring schmieden, mit dem er seine Nibelungen unterwerfen kann.
Und Wotan war schon zuvor an der Weltesche. Das stellt sich im Verlauf der Handlung erst ganz Ende heraus. Am zentralen Bühnenelement (Bühne Boris Kudlička und Kateřina Hubená) der Weltesche, dessen urige und knochige Gestalt aus Lars von Triers Film „Antichrist“ nachempfunden ist und in ihrer Mitte eine Höhle wie eine Vulva besitzt, tritt zu den Klängen des Vorspiels ein Mann an den Baum, um die dort aus der Vulva-Höhle kriechende, nackte und langhaarige Frau zu begatten (Video Andreas Deinert). Es ist je nach Betrachtung Anfang oder Ende („kleiner Tod“) des mythologischen Urzustands, es ist Alpha und Omega wie Eros und Thanatos zugleich. Die Beendigung dieses Zustands jedenfalls kündigt sich ja auch schon im Orchestergraben durch des sich aus der Ursuppe herausschälenden Es-Dur-Akkords an. Schließlich wird bald auch auf der Bühne durch Alberichs Verdammung der Liebe der Lauf der Welt empfindlich aus dem Gleichgewicht gebracht werden.

Erst in der letzten Szene, als Erda Wotan überzeugend davon abrät, den verfluchten Ring an seinem Finger zu behalten, wird in der Prager Produktion klar, dass es sich bei der urzuständlichen Kopulation an der Weltesche um Wotan und Erda handelte. Erda erscheint am Ende des „Rheingolds“ nämlich bereits schwanger. Es wird Brünnhilde sein, den sie im Bauche trägt. Und an dieser Stelle hofft man, dass diese Prager „Rheingold“-Produktion auch um die Folgeteile weitergesponnen werden.
Denn das macht alles Sinn durch eine derart klare, transparente und hochklassig umgesetzte Dramaturgie. Es ist ein lebendiges und nachvollziehbares Erleben des Wagnerschen Mythos. Zudem wird die Regie von einem sehr guten Sängerensemble unterstützt und getragen. Vor allem der Wotan von Adam Plachetka läuft nach anfänglicher Zurückhaltung im Verlauf zu lyrisch gestaltender Höchstform auf. Sein „So grüß‘ ich die Burg…“ gerät kraftvoll strömend.

An dem Abend der besuchten Dernière singt und spielt Štefan Margita zum letzten Mal. Seine Darbietung des Loge umfasst eine eindringliche Bühnenpräsenz, die mit einer besonders betonten Textbehandlung und klarer Intonation immer noch restlos überzeugt. Als Donner (Pavol Kubáň etwas indifferent) seinen Hammer schwingt, donnert nicht der Hammerschlag auf den Amboss, sondern es knallt der Sektkorken aus der von Loge geschüttelten Flasche. Er feiert nämlich schon das Ende der Götter ab.
Joachim Goltz ist eine luxuriöse Alberich-Besetzung. Sein Bariton kommt geschmeidig und flutend daher. Seine Verfluchung des Rings gelingt intensiv-suggestiv und drängend, was diese Passage zu einem musikalischen Höhepunkt des Abends geraten lässt. Und auch der Mime von Jaroslav Březina steuert aus dem Rollstuhl singend eine sphärisch-ausdrucksstarke Leistung bei.

Die Nibelungen wurden bekanntlich von Alberich unterworfen. In der Choreographie von Ermanno Sbezzo tanzen sie als Arbeiterklasse, und sogar die Rheintöchter wurden vom Nibelungen-Zwerg als Mensch-Maschinen dupliziert. Das ist eine schöne Darstellung von Kapitalismuskritik, die ja auch in Wagners „Ring“ steckt.
Von den Rheintöchtern überzeugt besonders Jana Sibera als Woglinde, die mit flutend-warmen Sopran neben Michaela Zajmi (Wellgunde) und Kateřina Jalovcová (Floßhilde) heraussticht.

Die Erda wird von Rose Naggar-Tremblay mit weichen und füllig-dunkel timbrierten Alt gegeben.
Am Pult des Opernorchesters lässt Robert Jindra seinen Musiker:innen viel Freiraum, was nicht zu Lasten der musikalischen Qualität, so doch aber zu Lasten einer interpretatorischen Deutung geht.
Viel Applaus im ausverkauften Haus an der Moldau.