Belcanto-Faschismus an der Lindenoper: In Berlin zeigt Vasily Barkhatov eine „Norma“ zwischen italienischen Keramik- und deutschen KZ-Brennöfen. Im Orchestergraben verwaltet Giuseppe Mentuccia am Pult eine hochwertig und routiniert begleitende Staatskapelle.
In Koproduktion mit dem MusikTheater an der Wien erweist sich die Neuproduktion von Vincenzo Bellinis „Norma“ in der Lesart des gebürtigen Moskowiter und ehemaligen Assistenten Peter Konwitschnys, Barkhatov, erst im Verlauf und besonders nach der Pause als diskussions- und kritikwürdig.
„Norma“ – das ist ja eigentlich herrlichster Belcanto mit den schönsten und ausgefeiltesten Gesangsbögen und Koloraturen. Gesang um des Gesangs Willen. Schönfärberei wie bei den heutigen Singer-Songwriter-Balladen, die sich um das eigene Ego und den erlebten Selbst-Mitleid-Schmerz drehen. Aber damals wie heute steckt kann dann doch manchmal auch mehr dahinter. Selbst in der „Norma“ ist auch schon was vom Musiktheater eines nur unwesentlich späteren Richard Wagner mit den großen Melodienlinien und –bögen der unendlichen Melodie zu erahnen. Der im Übrigen Bellinis Werk nachweisbar gekannt und geschätzt hat.
Denn „Norma“ ist ja fast Wagnerischer Mythos-Urstoff. Oder einfach nur Asterix. Denn die Römer haben Gallien besetzt. Ganz Gallien? Nein. Denn in der „inneren Emigration“ findet sich eine kleine Gesellschaft unter Führung der Druidin Norma. Die im Falle der Berliner Produktion gleich zu Beginn in einer italienischen Keramikfabrik mit bühneneinnehmenden Brennöfen (Bühne Zinovy Margolin) die Machtübernahme durch die Römer erdulden müssen. Vielfältige Keramiken werden noch gebrannt, aber nachdem die Römer ihre faschistischen Sonnenflaggen entrollt und aufgehängt haben, ergeht die Order, nur noch die Einheitsköpfe ihres Führers zu fabrizieren.

Pollione ist der Statthalter der faschistischen Diktatur. Freddie De Tommaso singt und spielt den Vater von Normas Kinder – sie ist nämlich seit Jahren mit dem Besatzer heimlich zusammen – authentisch und leidenschaftlich aufbrausend. Sein auf lirico-spinto-Rollen spezialisierter Tenor gestaltet formschön und besitzt durchaus die Ausdruckskraft für das schwerere Fach. Was sich gut mit der Norma von Sonya Yoncheva vereinbart an diesem Abend. Denn auch sie verfügt über die große, ausdrucksstarke Gestaltungskraft, die eigentlich für das schwere dramatische Fach besser geeignet scheint. Dennoch versteht sie es damit durch ihre hohe gesangliche Intensität, Charakter und die Dramatik der ihr Volk betrügenden Druidin angemessen zu vermitteln. Ihre „Casta Diva“-Arie gerät packend, differenziert, aber nicht in der glasklar-deutlich kolorierten Nuanciertheit, die es eigentlich für das virtuose Koloraturstück bräuchte. Dennoch gelingen ihr zarte Piani, die sphärisch und klar schön eingesetzt zu überzeugen verstehen.

Ein balsamisch-tiefgründig aussingender, formschön gestaltender Oroveso ist Erwin Schrott. Als Anführer der unterdrückten Gallier beeindruckt er zudem mit hohem schauspielerischen Darstellungsvermögen. Die Adalgisa von Angela Brower überzeugt mit nuancierter Intonation und präziser, klarer Stimmführung ihres warmes Mezzos. Sehr charakteristisch mit forderndem, glasklaren Ausdruck singt der von Dani Juris einstudierte Staatsopernchor. Die Staatskapelle steuert unter der Leitung von Giuseppe Mentuccia einen geradlinigen und präzisen Klang bei, der nicht durchgehend die Spannung aufrecht zu erhalten versteht.
Dreh- und Angelpunkt der Produktion ist aber der Faschismus. Als aufgeflogen ist, dass Pollione mit Adalgisa fliehen und Pollione damit Norma sitzen lassen will, sinnt letztere Rache. Und will ihre Kinder töten. An dieser Stelle drohen die italienischen Kermiköfen zu den Krematorien der deutschen Vernichtungslager zu werden. Denn Norma legt die Kinder auf die Wagen vor den Öfen, die bereits rot glühen. Norma schafft es nicht. Das Stück endet, dass Pollione die im Begriff, sich selbst in den Brennöfen opfernde Norma in letzter Sekunde vor dem Feuertod rettet und final auch noch umarmt.

Aus diesem Faschismus ist jedenfalls kein Holocaust hervorgegangen, denn dieses totalitäre Regime wird nicht in einen Vernichtungswahn abdriften. Und damit scheint die Regie zu hoffen, dass im Herzen Berlins, der Steuerzentrale des Holocausts im Dritten Reich, durch Liebe die faschistoide Macht des Bösen und der Vernichtung zu verhindern sein kann. Ein hehrer Wunsch, der angesichts des weltweit wieder aufkommenden Faschismus wenig überzeugend erscheint. Viel Applaus für alle Beteiligten.