„Walküre“ in Bayreuth

Nach der “Walküre” wird die KI ausgebuht. Wäre ja lustig, wenn sie auch auf sowas reagieren könnte, aber das Publikum wird ja wohl nicht mit eingespeist in den Datenpool, aus dem die digitalen Bilder für den Bayreuther Jubiläums-”Ring” entstehen. Auf die Stimmen und Bewegungen der Singenden dagegen solle sie schon eingehen, erklärt “Kurator“ Marcus Lobbes im Programm. Da hat sie nicht viel zu tun, denn sie treten bloß auf und ab, wenden sich allenfalls den Rücken zu bei Unstimmigkeiten, oder wenn einer getötet wurde. Dass die Wotanskinder Siegmund und Sieglinde hier in Liebe entbrennen und von Wagner als anarchistische Libertins bis kurz vor den Orgasmus getrieben werden, ist szenisch in dieser Konzertaufstellung nicht zu ahnen.

Aber all das lodert ja in den Stimmen, in der Musik, die mit Partitur, Text, Szenenanweisung ebenfalls an die KI gefüttert wurde. Das bildet sich in den Farben, Formen und Gebilden auf den Gazeschleiern aber nicht wirklich ab. Im Gegenteil scheint die Bilderflut ruhiger geworden, kann man jetzt länger Fotos vergangener “Walküren” aus der 150-jährigen Festspielgeschichte erkennen und ansehen: das schildartige Walkürensegel und die rosa Feuerzauberwolken von Rosalie, den roten Laserwürfel von Harry Kupfer, das Wotansbüro im Betonbunker von Jürgen Flimm, Chéreaus Walküren-Toteninsel und Hermann Nitschs Farbkübelei aus dem Corona-Jahr, immer wieder überblendet von Wieland Wagners abstrakten, aber glutvoll illuminierten Psychoräumen.

Dazwischen tauchen Dokufotos auf. Thomas Mann, der mit “Wälsungenblut” eine satirische Aktualisierung der “Walküre” schuf und noch 1933 für den kosmopolitischen, nicht nationalistisch verengten Wagner eintrat. KPD-Stimmzettel, Hitler, Aufmärsche in Schwarzweiß. Merkwürdigerweise aber nicht an den dazu passenden Schlüsselstellen der Handlung wie Wotans Machtreflexionen oder Walkürenritt. Spannung vermag die KI nach wie vor nicht zu erzeugen.

Dafür ist Christian Thielemann der alleinige Sachwalter. Das Aufblühen der verbotenen Liebe der Wälsungen war immer sein Meisterstück, und er schafft es mit dem hingebungsvoll folgenden Festspielorchester, nicht nur die Leidenschaft farbenreich glühen zu lassen, sondern auch das zarte Entwickeln des Sich-Erkennens und Liebens der Geschwister sanft zu begleiten. Die Singenden werden so musikalisch in ihre Ekstase getragen. Elza van den Heever bringt dafür als Sieglinde einen jugendfrisch klingenden, aber auch weichen, später im Mutterglück weit aufgehenden Sopran ein, Klaus Florian Vogt als Siegmund einen natürlich strömenden, immer noch lyrisch hellen Tenor, der die Wälserufe ohne Kraftmeierei aussingt wie ein junger Bursche.

Copyright: Enrico Nawrath – Bayreuther Festspielen

Als Fricka liest Anna Kissjudit ihrem Gemahl Wotan mit heftigem, dunkel gefärbtem Ton die Leviten. Die Brünnhilde ist bei Camilla Nylund eine jugendforsche, nicht schon hochdramatisch auftrumpfende Wotanstochter. Ihr Sopran bleibt fein nuanciert in den Gesprächen und geht plötzlich leidenschaftlich auf, als sie nach der Todverkündigung aus Siegmunds und Sieglindes Liebe die ihrige macht. Die Wortverständlichkeit müsste besser sein. Die Stelle ist auch bei Thielemann ein Schlüsselmoment, bei dem er den Wesenswandel der Walküre mit orchestral auflodernder Fülle betont.

Sensibel deutend begleitet er auch Wotans Reflexionen, wie immer mit der sprechend langen Generalpause nach “nur eines will ich noch, das Ende”. Michael Volle ist ein fabelhafter Wotan, gerade in diesen Selbstgesprächen, wo er als intelligenter Klangredner mit differenzierter Gestaltung dem Sinn der Worte nachspürt, seinen ausdrucksstarken Bariton von versonnen über liebevoll bis wütend entsprechend amalgamiert und vorm “Feuerzauber” mit warmem Ton seinen Abschied von der Lieblingstochter aussingt. Einen Abschied auch von seinen eigenen Welt(rettungs)visionen. Der handelnde Gott tritt ab, der Wunschmaid und einem neuen Helden, aus konventionensprengender Liebe geboren, soll das Feld überlassen sein.

Für Thielemann und die Singenden, inclusive Mika Kares als stattlicher Hunding und die Walkürenschar, gab es einhelligen Applaus und Bravos.