„Rienzi“ in Bayreuth

Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka zeigen einen klug durchdachten „Rienzi“, dem am Ende der regieseitig sehr kompliziert gedachten Dimensionen dann doch die Luft ausgeht. Nathalie Stutzmann am Pult des Festspielorchesters steuert eine stringent ausmusizierte neue Fassung von Markus Kiesel bei.  

„Das tönerne Ungeheuer“, so bezeichnete Richard Wagner selbst später sein Frühwerk. Und die Erstaufführung im Bayreuther Festspielhaus zeigt dann auch, um welche Materialschlacht es sich auf allen Ebenen in Musik, Text und auf der Bühne handelt.

Die Länge des Stücks und seine Fülle an sich ähnelnden Chor- und Ensembleszenen trug sicher auch dazu bei, dass es diese „Grand Opéra Wagners“ mit fragwürdiger Überhöhung durch die Nazis nicht in den so genannten Bayreuth Kanon der in Bayreuth aufzuführenden Werke geschafft hat.

Viele Striche und Abänderungen sind nötig, um das Werk zumindest ansatzweise in eine verträgliche Fassung zu bringen. Für Bayreuth nun wurde Markus Kiesel beauftragt, eine Neufassung zu kreieren.

Der Fünfakter wird in drei Pakete portioniert, die durch die gewohnten zwei einstündigen Pausen unterbrochen werden, damit es bei der Bayreuther Tradition bleibt. Cosima Wagner und Enkel Wieland hatten selbst schon Fassungen erarbeitet, und nun kommt mit dieser Bayreuther Fassung eine 19. Version hinzu.

Änderungen erfolgen schon in der Ouvertüre, die dramatischer klingt als die verherrlichte Version, die einst von den Nazis, aber auch von Spiegel TV benutzt wurde. Der dritte Akt erfährt deutliche Kürzung, und die Rolle der Kirche, die sich final vom Tribun abwendet, wird sehr zusammen gestrichen.

Insgesamt passt das alles schon, zumal die Regie eine klare Geschichte erzählt und Position bezieht, die leider zum Ende hin immer durch die ständigen Wechsel zwischen den Wahnvisionen Rienzis und der Realität im Kapitol immer mehr die Spannung verliert. Musikalisch bleibt es dabei: mit den riesigen Chorszenen und Tableaus mit im wesentlichen drei Hauptprotagonisten ist es auch hier mit so viel deftigem Material eine durchgängig heiße Schlacht, die dann doch zu simpel und banal ermüdet.

Die Regie hat dabei eine aktuelle Sicht auf das Stück gefunden, das ja den Aufstieg und Fall des römischen Volkstribuns, dem Plebejer Rienzi zeigt. Inmitten der grauen und einheitlichen Vorstadtkulisse in den mehrstöckigen Einheitswohnungen der Armenviertel Roms leben Rienzi und Irene als Bruder und Schwester, die als Urkatastrophe gleich zu Beginn ihren kleinen Bruder verlieren, der wohl an den Folgen einer Asbestvergiftung durch den belasteten Plattenbau hustend und blutend verstirbt.

Copyright: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Das ist Anlass für den großen Bruder Rienzi, sich zu engagieren. Als die Wahlkämpfer Colonna und Orsini im US-Stil mit der auf allen Bildschirmen in den Wohnungen gezeigten Social Media Kampagne sich auch noch vor Ort in das Armenviertel begeben, um dort auf Stimmenfang zu gehen, wirft Rienzi als Populist seinen Hut in den Ring. Und gewinnt natürlich. Herrlich erfrischend zeigt das ungarische Regiepaar, das auch für das graue Bühnenbild verantwortlich zeichnet, diesen Ansatz zusammen mit den flackernden und farbintensiven Videos von Leonard Koch.

„Live from the Capitol“ wird im Fernsehen berichtet. Und zur Einschläferung der Menschen wird ganz viel Fußball auf den Mattscheiben gezeigt. Es kommt zur Wahl zwischen Orsini (Michael Nagy mit balsamisch runder Intonation) und Colonna (Andreas Bauer Kanabas mit warmen und gut verständlichem Bass), die Rienzi gewinnt. Der Einzug ins römische Kapitol ist geglückt.

Copyright: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Andreas Schager singt und spielt einen Rienzi von sehr hoher Intensität, der dann doch über weite Strecken eine zu ausdrucksstarke Intonation an den Tag legt, die auch noch zu Ungunsten der Textverständlichkeit ausfällt. Gleichwohl gelingt es ihm am Ende doch, auch zarte Zwischentöne in den bereits der Todesgewissheit geweihten Zeilen anzustimmen.

Lustiges Stelldichein aus sämtlichen Wagner-Opern wird zur komplett ausgespielten, langen Ballettmusik gezeigt: Auf die Bühne rollt die Bayreuther Bühne, und in den ganz traditionellen Kostümen dirigiert der goldene Hörl-Wagner-Zwerg, der in den letzten Jahren vor dem Festspielhaus zu sehen war, seine Figuren über die Bühne.

Copyright: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Rienzi verliert sich auf dem Höhepunkt seiner Macht zunehmend in politischem Irrsinn. Im Bühnenbild öffnet sich die Himmelstreppe und der tote kleine Bruder steigt hinab. Der Sinn für die Realität kommt durcheinander und gipfelt schließlich darin, dass Rienzi selbst seine Kontrahenten Colonna und Orsini erschießt. Rienzi ist nun endgültig zum Diktator geworden.

Aus einer Utopie ist Dystopie geworden: auf zerfetzten Plakaten sind nur noch Wortfetzen der einstigen Parolen übrig geblieben: „Paradies verloren“.

Copyright: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Irene an seiner Seite ist starke Impulsgeberin und Weggefährtin, die ihn am Ende erdolcht und sich selbst die Pulsadern aufschlitzt. Gabriela Scherer gibt die Irene mit ganz viel schauspielerischer Authentizität und großer Spielfreude. Ihr warm strömender Sopran überzeugt mit angemessener Textverständlichkeit.

Der Adriano wird von Jennifer Holloway mit dramatischer Betonung und großer Ausdruckstärke mit über einige Passagen doch ausgeprägtem Tremolo passabel gegeben.  

In den kleineren Rollen sorgen Matthias Stier als Baroncelli, Michael Kupfer-Radecki als Cecco del Vecchio und Vitalij Kowaljow als Kardinal für ein ausgeglichen gutes Festspielniveau.

Die Hauptlast und Verantwortung des Abends aber liegt beim Chor, der mit so vielen Ensembleszenen und regietechnischer Anforderung ausgestattet blitzt und funkelt mit seiner harmonischen und packend ausgesungenen Größe. Thomas Eitler-de Lint hat hier großartiges geleistet und seine Sänger:innen optimal einstudiert.   

Aus dem Graben erklingt viel differenziertes und präzises Ausmusizieren. Nathalie Stutzmann entwickelt ein schön ausgewogenes Klangbild, das den Raum und die Akustik des Festspielhauses gut und adäquat ausfüllt, dabei aber die Sänger:innen vielleicht ein wenig zu sehr zudeckt.

Am Ende stürmischer Applaus für alle Beteiligten.