Diva: Kirill Serebrennikov und Yuri Possokhov inszenieren ihr aus Moskau verbanntes Stück über den Star-Tänzer Rudolf Nurejew mit dem Staatsballett Berlin an der Deutschen Oper.
Plötzlich wirkt er wie durchscheinend, fragil, den Blick bereits in unwirkliche Ferne gerichtet: Mit dem Turban auf dem Kopf steht David Soares als Nurejew noch einmal im Rampenlicht, umrundet wie schwebend das Orchester, durchschreitet die erste Zuschauerreihe, um dort den Eingang zum Dirigentenpult zu wählen. Der letzte Auftritt führt den Mann der großen Sprünge in den Graben, und von da ist es nur noch ein Schritt ins Grab.
Es ist in der Deutschen Oper Berlin die rührende Schlussszene aus Kirill Serebrennikovs Tanzstück über Nurejew, den Startänzer, den Jetset-Darling, die erste männliche Diva des Balletts. Ein wahres Gesamtkunstwerk, das vom Staatsballett Berlin mit Orchester, Statisterie und Vocalkonsort packend umgesetzt wird und dem Gesamtkunstwerk Nurejew ziemlich nahe kommt. David Soares ist dabei die verführerisch schöne, energische, virtuose Verkörperung dieses so faszinierenden wie rücksichtslosen Genies, das sich im Glanz des Tanzes sonnte und zugleich dem Tanz neuen Glanz und Popularität brachte.

Serebrennikov nimmt zwei Versteigerungen von Nurejews Nachlass zum Ausgangspunkt seiner Erzählung wie John Neumeier in seiner „Kameliendame“. Aber die Szenen dauern hier länger, trotz des perfekt mehrsprachig agierenden Auktionators von Odin Lund Biron etwas sehr lang, überlagern sich dann mit den an den Objekten hängenden Erinnerungen und Erlebnissen zu Episoden aus Nurejews Leben.
Choreograph Yuri Possokhov macht daraus eine Balletterzählung, für die er wie Komponist Ilya Demutsky viel aus dem klassischen Repertoire zitiert. Dominic Limburg darf mit dem Orchester der Deutschen Oper in Wohlklang schwelgen. Possokhov entwickelt zwar die klassische Tanzsprache weiter, bricht aber die Tradition kaum auf. Das hat Nurejew durchaus getan, dessen Verkörperung des Pierrot Lunaire von Glen Tetley, in einem Gerüst turnend, auch in diesem Stück vorkommt. Wir haben es an sich hier aber immer mit Nurejew im Ausdruckskanon des klassischen Tänzers zu tun, schauen nicht hinter die Fassade, wo vielleicht ganz andere Bewegungsformen möglich wären.

Eine packende Lebenserzählung wird das aber trotzdem, denn die klassische Ballettsprache ist unendlich nuancenreich in der Gestaltung von Gefühlen, und David Soares ist als Tänzer auch ein Schauspieler, der mimisch-gestisch Stellung nimmt, während das letzte Geheimnis von Nurejews Seele hinter all den Figuren, Posen und Allüren verborgen bleibt. Auch die Aids-Erkrankung wird unter hartem Training und Disziplin quasi verleugnet. Nur Tanzen war für ihn Leben.
Wer so hart gegen sich ist, zeigt auch anderen gegenüber meist eher Ungeduld als Nachsicht. Serebrennikovs Stück spart den schwierigen Charakter Nurejews nicht aus. Da stellt er seine Partnerin (Marina Duarte), die sich rührend müht, quasi nach vollendeter Figur ab, wie ein benutztes Objekt, das nur dazu diente, ihm Gelegenheit zum Glänzen zu geben. Und spannend überschneidet Possokhov die großen Pas de deux aus „Raymonda“, „Don Quixote“ und „Schwanensee“, in denen sich Nurejew bei seinen Gastspiel-Galas immer wieder ins Rampenlicht drängelt, die anderen schubsend und selbst ständig den Sitz von Frisur und Dress kontrollierend. Auch die Garderober kriegen das Handtuch ins Gesicht geschleudert. Ein netter Kollege war Nurejew sicher nicht.
Rührend dann wieder die eingelesenen Briefe der von ihm geförderten Pariser Étoiles Charles Jude und Laurent Hilaire, zu denen Anthony Tette ein wunderbares Solo als Der Schüler tanzt, voller Wärme und Geschmeidigkeit, als läge die Zuneigung, die Nurejew männlichen Tänzern durchaus zeigen konnte, darin. Und er versagt auch den großen Ballerinen nicht seinen Respekt, die viel ältere Margot Fonteyn (stark: Iana Salenko) erlebt mit ihm einen zweiten beruflichen Frühling, er wächst in ihrem Glanz.
Eingelesene Briefe von Alla Ossipenko und Natalia Makarova bekunden wiederum Nurejew Anerkennung. Und die große Berliner Kammertänzerin Polina Semionova tanzt dazu ein faszinierendes Solo als Die Diva, mit einer ganz modern wirkenden unprätentiösen Weichheit und noblen Lässigkeit, als wäre hier die klassische Sprache in der Hinsicht weiterentwickelt, wie sie die russischen Ballerinen in dem Brief ansprechen. Aber nur den Mauerspringern war dies möglich, der Kalte Krieg verurteilte zur Separation.

Nurejew war so ein Mauerspringer, der 1961 bei einem Paris-Gastspiel des Kirow-Balletts spektakulär Asyl beantragt. Das Autorenteam hat starke Szenen für diese Wendepunkte in Nurejews Leben kreiert. Allzu patriotisch der Chorgesang mit Emotions-Soli in der Waganowa-Schule, die Komsomol-Jugend bildet aus kollektiven Bewegungen eine Art Lokomotive. „Die Heimat sucht man sich nicht aus“ – dieser Chor wird bedrohlich, aber Nurejew wird genau das tun: Der baschkirische Tatar wählt den Westen.
Ob die Pariser Transvestiten der Teil der Schwulenszene war, der Nurejew interessierte, ist fraglich, aber immerhin lässt Possokhov anklingen, dass auch hier lieber Nurejew die Diva wäre. Ein Hingucker, wie Soares das Society-Leben genießt, vorm Szenefotografen Richard Avedon die Hüllen fallen lässt, fast wie aus Trotz, dann aber ganz aus sich herausgeht bei divenhaften Tänzen über Tisch und Stuhl, nackt unterm Bärenfellmantel. Wow.

Und die Autoren kommen Nurejews Vorliebe wohl ziemlich nahe, wenn sie ihn zu Pseudo-Barockgesang als Sonnenkönig inszenieren, der sich über die athletischen Tänzer rollen lässt, während kräftige Statisten die Posen jener nackten Kerle einnehmen, die auf den versteigerten klassischen Gemälden aus seinem Besitz zu sehen sind. Man muss an seine Filmrolle als Rudolfo Valentino denken.
Aber ganz bei sich scheint er in jenem wunderbaren Pas de deux mit seinem ersten westlichen Geliebten Erik Bruhn zu sein. Martin ter Kortenaar tanzt ihn mit Zigarette im Mund und in sich ruhender Gewandtheit, ganz das Gegenteil zu dem ehrgeizigen Kollegen Nurejew. Soares wird hier zum Begehrenden, der von Entrechats bis Dramatik alles einsetzt, bis es zum Kuss kommt.
Im zweiten Teil zeugen Stürze von nachlassender Kraft und später auch Krankheit. Wie zerschmettert liegt Nurejew nach den Pirouetten und Tours en l’air nach einer Gala-Szene auf dem Boden. Als Pierrot wird er erschöpft von der Bühne gezogen. Die Schatten aus der „Bayadère“, seiner letzten Choreographie, rücken ihm in ihren endlosen Arabesken zu Leibe. Es ist eindrucksvoll, wie sich Soares hier mit großer technischer Perfektion verausgabt. Und dann diesen schon transzendierten Nurejew als Dirigenten mimt, nur Haltung noch, die Augen ins Jenseits gekehrt, sich bewegend wie ein Traumwandler.
Großer Applaus, Bravos, die nächsten Vorstellungen sind schon ausverkauft. In Russland darf das 2017 vom Bolschoi-Ballett uraufgeführte Stück nicht mehr gezeigt werden, schwules Leben ist in Putins Reich inzwischen zur Unsichtbarkeit verdammt. So lange sind die Tage größerer Liberalität noch gar nicht her. Möge das Werk in Berlin ein Dauerbrenner werden, es hat das Zeug dazu. Und dringend gehört es auch nach Paris, wo Nurejew in seinen Choreographien weiterlebt.