Parabel in Pastell: Kerstin Steeb hält sich in ihrer Neuproduktion von Walter Braunfels‘ „Vögel“ für das Staatstheater Braunschweig alle Optionen offen. Srba Dinić am Pult des Staatsorchesters führt aufmerksam und meist präzise durch die hochromantische Partitur.
Fabeln aus der Tierwelt legen ja eigentlich den Finger in die Wunde. Das ist Sinn und Zweck ihres Daseins, um den Rezipienten aktuelle Missstände, Unrechtszustände und Fehler durch das Brennglas der Allegorie vorzuspielen. Walter Braunfels hat dies zwischen 1913 bis 1919 mit seiner Behandlung von Aristophanes antiker Komödie „Die Vögel“ getan. Beim alten Griechen ist Anlass das zunehmend imperialistische und militaristische Verhalten Athens, das seine „Vögel“ umtreibt, während Braunfels‘ Ansinnen als Spiegel seiner Zeit auch den deutschen Weg ins faschistische Verderben des Dritten Reichs aufzeigt.

Das kümmert die Regie kaum, hat sich Kerstin Steeb doch mit poetischen Bildern in Pastell (Bühne und Kostüme Jan Hendrik Neidert, Lorena Dias Stephens) gegen Hakenkreuze auf der Bühne entschieden. Was der Sache im Prinzip nicht schaden würde, bleibt doch so der Charakter der Tierparabel mit wunderbar hübsch ausstaffiertem Geflügel-Chor im Wolkenkuckucksheim erhalten. Zudem unterbleibt ja auch in der Vorlage (Braunfels war da vom Protestantismus zum Katholiken konvertiert) die Revolte, versammeln alle sich am Ende einig unter dem Gott Zeus.
Legt die Vorlage selbst damit nur sehr zahm den Finger in die Wunde, könnte sich die Regie hier durchaus klar positionieren und Haltung zeigen. Doch das wird – der Blick ins Programmheft hilft und erstaunt – vermieden: „In einer Zeit, in der sich Theater mehr und mehr politischen (Legitimations-)Druck ausgesetzt sehen“, nutze man „deswegen“ die „Theatermittel ganz offen“. Und so bekommt die eigentlich schön poetische Inszenierung einen schalen Beigeschmack. So kann man sich fragen, ob die fehlende Positionierung und Abgrenzung zur Gedankenwelt Ratefreunds mindestens opportunistisch, wenn nicht sogar anschlussfähig für totalitäre Strukturen sein könnte, denen der Komponist selbst (die Nationalsozialisten belegten ihn 1933 mit Aufführungsverbot) zum Opfer fiel. Braunfels wurde jedenfalls 1923 von Adolf Hitler gefragt, ob er nicht eine Hymne für die NSDAP komponieren wolle. Das lehnte er ab. Hitler hatte offenbar keine Probleme mit der Intention des Stücks. Was wäre passiert, wenn Braunfels zugesagt hätte, bleibt natürlich spekulativ, aber das prompte Aufführungsverbot direkt nach der Machtübernahme 1933 wirkt wie ein Retourkutsche.

Den Weg der durch Hauptcharakter Ratefreund (Michael Mrosek überaus textverständlich und mit präzisem, ausdrucksstarken Bariton) aus den Menschen-Publikumsreihen auf die Bühne ins Reich der Vögel begleitet ja auch Hoffegut, ein Träumer in Jogginghose und –jacke mit Staatstheater-Werbebeutel in der Hand. Mirko Roschkowski singt das mit wunderbar fein nuanciertem, lyrischen Touch und strömender Intonation. Ihm ist nur recht wohl in der luftigen Welt der Nachtigall (Ekaterina Kudryavtseva mit ausdrucksstark-kernigem und dramatisch deutlichem Sopran), und so verströmt zum langen Duett der beiden – passend zum Text („Schlürfe diesen Duft“ von „nie gekannter Süße“) das Parfüm „Narcotics“ süßlich duftend in den Zuschauerraum.
Nach der Pause bühneneinnehmend ein futuristisches Science-Fiction-Auge wie aus „Star Wars“: Das Auge des Zeus mahnt, und Prometheus (Johannes Schwärsky mit sicherem, präzisen und gut gestaltendem Bass-Bariton) entsteigt als Deus-ex-Machina-Bühnenarbeiter dem Souffleusenkasten. Von Ratefreund verführt, hängt der Vogelchor (schön packend und plastisch-einheitlich einstudiert von Johanna Motter) in der Zeus-Mastanlage an den Versorgungsstrippen. Zunehmend breitet sich allerdings Enttäuschung über die hohlen Versprechen vom Bau einer Vogelstadt aus, die Ratefreund dem Gefieder um den Wiedehopf-Führer (Maximilian Krummen mit balsamisch strömender Intonation, sehr gut verständlich und toll gestaltend) versprochen hat.

Vollkommen verinnerlicht hat Isabel Stüber Malagamba ihre Partie als erste Drossel: Wunderbar ruckelnd und zuckelnd, stolzierend und staksend, drehend und scharrend im Spiel, dabei warm tönend und präzise flutend im Gesang, gelingt ihr eine wunderbare Darbietung.
Auch die anderen Vögel sind wahre Puten, die mit Schnabelmasken und mit heruntergelassenem Schlüpfer (Galina Benevich als Zaunschlüpfer mit ausdrucksstarker Gestaltung) ein munteres Vogelvolk abgeben.
Am Ende öffnet sich der Bühnenhintergrund, und die Vögel legen ihre Federkostüme ab. Desillusionierung, Menschwerdung? Das bleibt offen. Die Nachtigall als mahnende Ruferin in der Dunkelheit aber bleibt.
Im Graben gestaltet Srba Dinić die tiefgründig-hochromantische Musik mit einiger Farbigkeit und schön ausgespielter Plastizität, die an einigen Stellen sehr an die Linien und treibend-jubelnden Bögen des Zeitgenossen Richard Strauss erinnern. Gleichwohl eigenständig entwickelt Braunfels dennoch eigene Klangsprache, die bisweilen nicht so heroisch, sondern mit ironisch leichterer Ausrichtung sich selbst nicht so ernst nimmt. Das überzeugt, zumal der Braunschweiger GMD mit Hang zum großen Tableau dirigiert, aber in schönen Wechseln auch die Sänger:innen unterstützt und trägt.
Viel Beifall für alle Beteiligten