Kampf dem Ketzerkönig: Barrie Kosky gibt sich in seiner Neuproduktion von Philip Glass‘ „Akhnaten“ für die Komische Oper ganz der Musik hin. Jonathan Stockhammer am Pult liefert dazu die passend drängende und pulsierende Mantra-Musik mit treibendem Beat.
So kennt man den umtriebigen, quirligen und vielschaffenden Regisseur aus Australien gar nicht. Zehn Jahre lang als Chef der Komischen Oper auch innovative Triebfeder des Hauses, zeigen seine Arbeiten meist lebendige, von Einfällen überbordende Ensembleszenen, in denen es nur so wimmelt.
Seine Deutung über den ägyptischen Pharao Echnaton, der die Grundfeste des altägyptischen Systems erschütterte und scheiterte, und den Philip Glass ans Ende seiner Operntrilogie über die mächtigen und einflussreichen Männer der Weltgeschichte setzte, ist nun das Gegenteil: Aufgeräumt und einheitlich geht es zu im sterilen, weißen und schwarzen Raum, den Klaus Grünberg auf die Bühne gebaut hat. Da wird minutenlang gestanden, dann wieder geschritten und plötzlich wild gestikuliert und getanzt. Das alles von Anfang bis Ende des Dreiakters wie gebetsmühlenartig wiederholt, erscheinen die verschiedenen Entwicklungs-Phasen mit Aufstieg und Fall des Echnaton (die Glass in seinem Werk ja auch zeigt) wie beiläufig.

Ob nun die große Begräbniszeremonie für den verstorbenen Vater, die Krönung des Sohnes oder der Totentanz über das Ende jenes sagenumwobenen Pharaos, der sich anschickte, die ägyptische Welt mit der Abkehr von der Amun-Religion zur Sonnengott-Anbetung des Aton und damit sich selbst auf den Kopf zu stellen, – immer wieder zeigt Kosky eine wunderbar detailliert einstudierte Choreographie mit wiederkehrenden Motiven. Das erinnert an die ewige Wiederkunft des Gleichen, wird aber von Kosky wiederum nicht stringent bis zum Ende weiterverfolgt. Denn offenbar interessiert er sich nicht für die Beweggründe des Pharaos, der in Dreiecksbeziehung mit Mutter Teje und Frau Nofretete auch als androgyner Herrscher mit fast weiblichem Körper und schmalen Gesichtszügen bis heute in den Museen dieser Welt zu bestaunen ist.
Denn warum zieht er denn nun gegen den Amun-Kult zu Felde? Plötzlich lässt Kosky Echnaton selbst den Priester (Stefan Cifolelli mit schön strömenden Tenor) am Amuntempel auf der Bühne ermorden. Schade, dass Kosky den Raum, den die Musik und das tableauhafte Werk mit seiner hypnotischen Sogkraft dem Regisseur lässt, nicht nutzt. Stattdessen schweben von oben herab die IKEA-Lampen, und wir wissen, dass nun die Ära der Aton-Sonnen angebrochen ist. Viele Sätze werden eingeblendet, die vom Chronisten (Peter Renz) sowieso auf Deutsch noch eingesprochen werden. Das wirkt redundant.

Ob nun die inneren Motive, seine Wandlung und das Verhältnis zu Mutter und Frau (Stichwort Ödipus): Als dies wäre doch interessant und Anlass genug für die Regie gewesen, eine Deutung zu finden. Stattdessen entspricht Kosky voll und ganz dem oratorienhaften Stil des Werks und belässt es so bei einer reinen Bebilderung des Stücks. Und gibt sich dabei voll und ganz der Musik hin.
Am deutlichsten zeigt sich das nicht nur mit Blick ins Programmheft (Kosky: „Eigentlich ist die Musik die Inszenierung“), sondern vor allem in der plötzlichen Illustration von Echnatons Sturz: John Holiday als Echnaton im Frauenkleid wachsen immer längere Rasta-Haare. Aus dem gemeinsamen Tanz mit dem Volk entwickelt sich aber – hier ist Kosky wieder ganz bei seinem Urthema – ein Pogrom, der das Ende des „Ketzerkönigs“ drastisch und deutlich, aber völlig losgelöst aus dem Kontext, zeigt. Der Volksmob tritt den PoC (Person of Colour)-Pharao zusammen.

Holiday singt die Titelpartie mit seinem wunderbar fein strömenden und flutenden Countertenor nuanciert und strahlend aus. Insbesondere die Sonnen-Hymne gerät packend und differenziert. Ihm zur Seite steht mit Susan Zarrabi als Nofretete ein warm und dunkel timbrierter Mezzo. Mutter Teje wird von Sarah Brady mit weicher Intonation ihres sicheren Soprans gegeben.
Packend und prägnant, voll berstender Klangkraft und zusammen mit dem Tänzer:innenensemble sorgen die Chöre (Einstudierung David Cavelius) für einige musikalische Höhepunkte des Premierenabends.
Jonathan Stockhammer führt das Orchester ohne Violinen durch die gegenüber „Satyagraha“ konventioneller erscheinende Partitur, die aber durch die vielen Verschiebungen, Rückungen und den chromatischen Echnaton-Einschüben den Zuhörenden viel Interessantes zu bieten vermag. Stockhammer arbeitet das plastisch und mit treibenden Tempi, die sich nur manchmal etwas verheddern, ansprechend heraus.
Begeisterter Applaus für alle Beteiligten.