Der Rachefeldzug des Herrn H. geht in sein fünftes Jahr: Die konsequent schiffsfreie Deutung des „Holländers“ von Dmitri Tcherniakov fesselt auch fünf Jahre nach seiner Premiere bei den Festspielen. Das Dirigat von Oksana Lyniv fügt der packenden Geschichte auf der Bühne eine fluide, strömende und präzise pulsierende Musik aus dem Graben hinzu.
Es ist die Vorgeschichte zur tosenden Ouvertüre, die Grundlage der inszenatorischen Erzählung ist. Passt man nicht gleich auf, erschließt sich so manches nicht. Und das ist vielleicht auch der kleine Hauptkritikpunkt an dieser Produktion. Denn wer nicht aufpasst, verliert schnell den Durchblick.
Daland ist weiterhin der Bösewicht, der mit der Mutter des Holländers eine Affäre hatte. Die bieder-geschlossene Dorfgesellschaft, die in den sterilen Backsteinhäusern des Bühnenbilds vom Regisseur selbst hausen, grenzt sie aus. Sie erhängt sich, und der kleine Holländer muss das mit ansehen.

Jahre später kehrt er zurück, um Rache zu nehmen an Daland, seiner Familie und dem gesamten Dorf. Nicholas Brownlee trumpft in seinem ersten Bayreuth-Auftritt als Holländer zu seiner Eingangsarie ganz groß auf: Selten hat man eine derart intensive, packende, ergreifende und textverständlichere Darbietung gehört! In der Folge führt dieser triumphale Einstieg dazu, dass er doch in der Folge ein wenig Abstriche machen muss, sich zum Finale aber wieder fängt. Bayreuth kann sich glücklich schätzen, ihn neu gewonnen zu haben.

Leider kann Elisabeth Teige als Senta ihm in keiner Passage das Wasser reichen. Ihre Ausbrüche sind zwar kraftvoll und bisweilen auch flutend, aber genaue Intonation und präzise Stimmführung gelingen ihr viel zu selten. Mika Kares überzeugt bei seinem Debüt als Daland mit schön weicher, balsamischer Stimme und charakterfestem Ausdruck.
Die Regie gibt sich viel Mühe, die Beziehung Eriks zu Senta zu beleuchten. Das überzeugt sehr, und Benjamin Bruns liefert mit sehr ausdrucksstarker Intonation, präzise und strömend eine restlos zufriedenstellende Darbietung ab. Kieran Carrel gibt einen sehr textverständlichen und frischen Steuermann.

Mary (Nadine Weissmann mit ganz tief-flackerndem Alt) ist die Frau Dalands und weiß von der Vorgeschichte ihres Mannes. Sie erkennt den Holländer im Verlauf. Nachdem sie den Holländer, der am Ende mit seiner Mannschaft das ganze Dorf angezündet hat, erschossen hat, umarmt Senta sie dankbar. Denn sie wurde geheilt von ihrem naiven Mädchentraum, sich bedingungslos einem unbekannten Mann hinzugeben versucht zu haben.
Die Chöre unter der Einstudierung von Thomas Eitler-de Lint beeindrucken durch ganz viel nuancierte, differenzierte und präzise-schattierte Ausdeutung sowie mit herrlichen Abstufungen und Übergängen, die durch die Personenführung mit Winken, Tanzen und Prügeln überhaupt nicht beeinträchtigt wird.

Dazu reizt Oksana Lyniv die Akustik des Hauses gut aus. Die Ouvertüre tost, verheddert sich aber nicht und liefert schöne leise Zwischentöne, die vom aufmerksam folgenden Orchester immer wieder zu den großen Ausbrüchen wechselt. Insgesamt gerät das schön fließend und nicht bombastisch, sondern entspricht und unterstützt die kluge Geschichte der Regie.
Tosender Applaus für alle Beteiligten.