„Rheingold“ in Bayreuth

Die KI ist tot, es lebe der Mensch: Nach dem “Rheingold” erstmal Enttäuschung, in die sich bei vielen etwas Genugtuung für die Spezies Mensch mischen mag: Theater kann die KI eben doch nicht. Und ob man die Künstliche Intelligenz überhaupt als intelligent bezeichnen kann, steht nach diesem Auftakt zum Jubiläums-”Ring” in Bayreuth auch in Frage. Statt spannend in Beziehung gesetzter Bilder aus der Rezeptionsgeschichte des “Rings” und dem politischen Geschehen in den 150 Jahren des Bestehens der Bayreuther Festspiele, bietet uns die sattsam gefütterte KI eine schlierige, unscharfe, kleckerige Bildmischung irgendwo zwischen Surrealismus und Dekohaus an.

Die (wenigen) Fotos aus früheren “Ring”-Inszenierungen erscheinen meist verwaschen, verschwommen, wie mit der Wärmebildkamera aufgenommen. Vom Zeitgeschehen: erkennbar gar nichts. Dabei erklärte “Kurator” Marcus Lobbes doch im Interview, dass alles Bildmaterial der Bayreuther “Ring”-Inszenierungen von 1876 bis heute eingegeben worden sei, die Partitur mit Text, politische Ereignisse und “Pausengesprächsthemen”. Klingt doll, aber das soll das Ergebnis sein?

Schon klar, die KI denkt nicht, aber soll uns laut Programm einen Denkraum bieten. Doch hier regte nichts zum Denken an. Weder über den “Ring des Nibelungen” Wagners, seinen allgültigen Inhalt vom Kampf zwischen Liebe und Macht, Natur und zerstörerischer Zivilisation. Noch über das Wirken von KI in der Hand weniger Mogule und unsere Abhängigkeit von ihnen, aber auch vom Medium bis hin zur Besessenheit und Selbstaufgabe, wovon ein kluger Programmheftaufsatz von Tina Lorenz handelt. Ein zutiefst Wagnersches Thema, das man aber inszenieren müsste.

Da reicht keine pastose Bilderflut, die selbst in den atmosphärischen Assoziationen von Wasser, Höhle und Bergeshöhen schwach bleibt. Die zwar in den Verwandlungen zu Kröte und Schlange erkennbar Krötiges und Schlangenhaftes auffährt, aber von der Erotik der Rheintöchter nichts weiß, zum lüsternen Betasten Alberichs Bilder von Händen liefert, aber deren bedrohliches Tun nicht realisiert und die ganze Übergriffigkeit der Szene offenbar nicht kapiert. Vom Urfrevel an der Natur keine Spur, keine erkennbaren Bilder aus dem Zeitgeschehen zu Stichworten wie Gold, Macht, Fluch, aber ein paar Broschen und Juwelen. Da muss ja sogar die statistische Auswertung der KI versagt haben.

Copyright: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Eine deutende In-Beziehungsetzung kann sie natürlich eh nicht, aber was soll eine Bebilderung ohne Deutung, ohne Stellungnahme, ohne Kommentar. Sie ist ja dann im Wortsinn bedeutungslos. Gefragt wäre also die menschliche Intelligenz des Einordnens, Verknüpfens, Aussagens. Wagners Märchenspiel ist eben hochbedeutend.

Und es sollte Spiel sein. Die Singenden aber sind von Pia Maria Mackert in kristalline schwarze Kostüme gesteckt wie ein petrifiziertes Computerbild, bewegen sich kaum, so dass die angeblich darauf reagierende KI auch nichts zu tun kriegt.

Am ehesten gelingt zumindest eine Theateranmutung, wenn dann doch mal alte Szenenbilder erkennbar werden und einen 3D-artigen Raum um sie eröffnen. So hatten sich das vielleicht die meisten Zuschauenden erwartet, einen Wandel durch die Inszenierungsgeschichte, versetzt mit Zeitbildern aus der Wirklichkeit zu den “Ring”-Ereignissen rund um Umweltzerstörung, Macht-Hybris, Liebesversuch. Aber das muss man der KI eben auch sagen.

Copyright: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Auch auf die Stimmen soll die KI reagieren, in welchen Farbwerten oder Formen das sichtbar werden soll, bleibt im Wortsinn schleierhaft, vorwiegend ist optisch ein düstrer Eindruck. Und dabei ist hier doch eine Idealbesetzung zusammen. Christian Thielemann startet mit dem fabelhaften Festspielorchester wirklich mit einem Es-Dur nahe an der Unhörbarkeit gesteigert zum Weltbrummen, sich modulierend ins Wellenspiel. Am Ende glänzt zumindest bei ihm die prangende Burg.

Michael Volle ist ein großartiger Wotan von baritonaler Würde, wortverständlich, sonor, auch den menschlichen Reaktionen des Gottes charakterisierend Raum gebend. Jochen Schmeckenbecher als Alberich nutzt von Ausrufen und deklamatorischem Gesang bis zur großen stimmlichen Aufwölbung in seinen finsteren Herrschaftsgedanken und im Fluch eine weite Palette der Ausdrucksmöglichkeiten. Dass er im Parlando manchmal zu leise wirkt, mag mit Bühnenpositionen zusammenhängen. Vehement kommt Anna Kissjudits Mezzo als Fricka rüber, majestätisch Christa Mayers Alt als Erda, und in satten Farben charakterisieren Mika Kares den verliebten Riesen Fasolt, Peter Rose den machtorientierten Fafner. Exzellent gestaltet Klaus Florian Vogt den listigen Loge. Mit seinem wunderschön hellen, geschmeidigen Tenor weiß er die Kontrahenten ganz natürlich zu betören.

Copyright: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Für den KI-”Ring” als Gesamtveranstaltung findet sich das passende Resümee schon bei Richard Wagner: “Sehen Sie nicht so viel hin, hören Sie zu!”