Küsse, Bisse, sezierte Leidenschaften: Deutsche Erstaufführung von Pascal Dusapins „Penthesilea“ an der Staatsoper Hannover.
Fast zu schön für so eine blutrünstige Geschichte aus den Wirren des Krieges klingt Pascal Dusapins Musik in der Staatsoper Hannover herauf aus dem dunklen Graben: Nur die beleuchtete Harfe kündet von eher zarten menschlichen Regungen, bald dröhnen Tuba, Bässe, Kontrafagott dazu, als kündigte sich unterschwellig Gefahr für Leib und Lieben an. Dusapins „Penthesilea“-Oper startet subtil, dringt langsam unter die Haut, lässt feine Cimbal-Töne aufscheinen, bis es zum großen Schlachten in dieser Nebenschlacht des Trojanischen Krieges kommt. Bis dann auch der volle Orchesterapparat aufdreht, sogar im Zuschauerraum eine Art Klangblitze herumschickt und uns so doch noch mit hineinreißt in den Gewaltexzess.
Spannend an Dusapins Musik ist vor allem dieser Kontrast: einerseits auch elektronisch bereicherter Schlachtenlärm, andererseits dieses über weite Strecken tiefgründig webende, schwerfällig vorwärtswälzende Melos, das sogar in Parsifal-Harmonien schillert. Das passt, weil es hier auch um Irrfahrten und Heilssuche geht, eine Suche nach Nähe und Liebe jenseits der Brutalität, die weder Penthesilea, die Amazone, noch Achilles, der Kriegsheld, je gelernt haben.
Und so leuchtet nicht nur die Musik lange fast zärtlich unter die Panzer der beiden Kontrahenten. Auch Paul Zollers Bühnenbild hängt sozusagen in Hautfetzen über den seitlichen Gerüsten, die durchscheinend werden für die Amazonen in walkürenähnlicher Bewehrung oder die Griechen in unserer Zeit näherer Aufmachung aus Kampfjacken und Wetterhosen. Mit der Verbindungsbrücke und den Videoeinblendungen ergibt sich auch die Anmutung eines behelmten Schädels, in dem diese Kriegsbilder ablaufen, den Kopf beherrschen, während sich das Herz doch nach anderem sehnt.

Zu diesem anderen dringt Achilles durch, als er die Wandschirme öffnet, hinter denen die verletzte Penthesilea ärztlich versorgt wurde. Mit einem Tablett voller Kerzen kommt er quasi als Diener zurück, wie sich der Liebende zum Untertan macht. Nun kann ihm Penthesilea ihre Liebe gestehen, denn ihr Amazonengesetz erlaubt das nur besiegten Helden gegenüber. Das hat er ihr aber nur vorgespielt, und als sie das bemerkt, ihn auch vergeblich anfleht, trotzdem mit ihr zu kommen, wird die entblößte Schwäche zur klaffenden Wunde: Penthesilea versinkt auf Hannovers Bühne wörtlich im Boden, scheint sich tief in die Eingeweide zurückgezogen zu haben und kommt später vorn in einer blutroten Höhle unter dem sich hebenden Boden wieder zum Vorschein. Liebe kippt durch Demütigung in Hass, im eindringlichen Dialog mit ihrer Vertrauten Prothoe schürt sie nun Rache.

Leider changiert Zollers Bühnenästhetik fortan ins Realistische: Achilles, der sich noch immer geliebt glaubt, gibt sich erneut in ihre Hand, stellt sich dem Zweikampf, damit sie ihn nun formal besiegen und lieben kann. Dafür ist nun ein Boxring aufgebaut, den er in engen Goldhosen und freiem Oberkörper ziemlich selbstgewiss besteigt. Penthesilea aber trifft ihn mit dem Laserpfeil, während echte (!) Hunde Achilles‘ rotes Cape zerfleischen. Bei Kleist, dessen düster-romantische Tragödie der Oper zur Vorlage diente, tut sie das selbst: „Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen.“ Dusapin und Mit-Librettistin Beate Haeckl haben den Text sehr entschlackt, expressionistisch zerrupft.

Während am Boxring nun die Tatortreiniger tätig werden, lässt Regisseur Lorenzo Fioroni Penthesilea wie eine Seniorin im Altersheim auftreten, die sich dieses alten Versehens erinnert. Die anderen Alten klappern dazu mit den Kaffeetassen. Das wirkt zu genrehaft-komisch und ist nicht auf der Höhe von Text und Musik, nach der Penthesilea ihre Schuld erkennt und zu tragen lernen muss. „Jammer, Reue, Hoffnung“, singt der Chor, große Worte über ein ewiges Versagen und doch Neubesinnen, das hier optisch zu kleingeschrumpft wird. Dabei hatte Zoller vorher mit Zitaten eines barocken Götterhimmels wie Dusapin mit den Wagner-Anklängen spannend einen Welttheaterhorizont eröffnet.

Nicht immer sind solche Bildassoziationen ganz sauber, wenn in einer Projektion der getötete Achilles über Penthesileas Schoß liegt wie Christus der Muttergottes in der Pietà – denn zwar ist Christus Opfer seiner (Menschen)Liebe wie Achilles, Maria aber nicht Mörderin ihres Sohnes. Aber immerhin werden hier ganz große Leiden und ganz große Leidenschaften aufgerufen.

Stephan Zilias hält am Pult Orchester, Chor und Solistinnen gut zusammen, kostet wunderbar die fantastischen Klänge Dusapins aus, steigert auch klug in Exzess und Schlachtlärm. Katrin Wundsam ist eine mitreißende Gestalterin der Titelpartie, gibt ihrem Mezzo dramatische Erregung und glutvolle Fülle. Olga Jelínková setzt als fürsorgliche Prothoe die hellen Farben ihres substanzvollen Soprans dazu, während Anthea Barać mit wohlig sattem Alt die Oberpriesterin singt. Peter Schöne bietet einen schönen kraftvollen Bariton als Achilles auf, und mit prägnantem Bass gibt Yannick Spanier den Krieger Odysseus. Ein effektvolles Werk, dem man gebannt zuhört.