„Walküre“ in Halberstadt

Bodenständig und vermittelnd: Das Harztheater bringt eine „Walküre“ heraus, die ihr Publikum mitnimmt und authentisch, aufrichtig und ehrlich Wagners Weltendrama aus dem Elfenbeinturm der hohen Kunst herausholt.

Oder: Diese „Walküre“ wird hinabgeholt durch das simple Mittel der Reduktion auf den Boden der irdischen Tatsachen. Was zum einen ja immer schon Richard Wagners Anliegen war, zum anderen aber besonders gut zum ersten Abend der langen Tetralogie, der „Walküre“, passt. Denn schließlich wird bekanntlich das irdische Schicksal der einfachen Menschen Siegmund und Sieglinde gezeigt, die unverschuldet im Räderwerk der Großmacht-Phantasie eines Gottes zerrieben werden. 

© Ray Behringer
© Ray Behringer

Wie schon zuvor das „Rheingold“ als Wanderproduktion konzipiert, ist damit natürlich auch Marco Misgaiskis Regie-Version des einfachen Spiels mit wenigen Mitteln und Bühneneffekten den verschiedenen Spielstätten im Harzvorland Sachsen-Anhalts geschuldet. Aber das funktioniert wunderbar. Denn in der Ausstattung von Tom Grasshof ist diese „Walküre“ über die Akte hinweg in einem weitläufigen Gründerzeit-Innenraum ohne Möbel angesiedelt wie einst in Patrice Chereaus Bayreuther Jahrhundertring. Diese Fassade passt ins kleinere Quedlinburg ebenso gut wie in’s gediegene Theater der Domstadt Halberstadt. Vor allem aber versteht diese Ausstattung, dem Scheitern der göttlichen Allmachtsphantasie ganz schlicht durch die Efeu-berankten Gründerzeitwände Bild zu geben. Und wie der Urheber selbst auch stets bemüht war, besonders deutlich Handlungen auf der Bühne zu verdeutlichen, so zeigt Misgaiski überdeutlich Wotan, der das Schwert in den Tisch von Hundings Behausung steckt.

Der als indisponiert angekündigte Juha Koskela singt den Göttervater Wotan dabei überaus deutlich und nachvollziehbar mit voller textlicher Ausdifferenzierung und Gestaltungskraft, die dazu führt, der zentralen Ring-Szene, dem Monolog des zweiten Akts eine ansprechende Intensität zu verleihen. Wunderbar, wie verhalten, starr und stocksteif-ungerührt er zuvor die Kritik seiner Frau Fricka entgegengenommen hatte, um dann nur mit einer kurzen Handbewegung die innere Wut zur äußeren Darstellung zu bringen. Geschauspielert wird überhaupt gut und nachvollziehbar auf der kleinen Bühne. Regina Pätzer spielt die Fricka als feurige Verfechterin der Ehe, die mit energischer, leicht wackeliger Intonation völlig überzeugend die mahnende, rechthaberische Gattin verkörpert.

© Ray Behringer
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Und auch Peggy Steiner versteht als junge Brünnhilde und Wotans Lieblingstochter einiges an schauspielerischem wie sängerischem Potential aus der Partie herauszuholen: Jugendlich aufbrausend, kraftvoll und ausdrucksstark gelingt ihr auch im finalen Akt einiges an verzweifeltem Tiefgang. In der Todesverkündigung am Ende des zweiten Akts punktet sie durchaus mit aufblühenden Phrasen. Als Siegmund betont Max An etwas überambitioniert lange „Wälse“-Rufe, zeigt aber sonst viel lyrische Gestaltung und Flexibilität und Durchhaltevermögen bis in den (Bühnen)-Tod. Der deutlich ganz vorne am Bühnenrand und klassisch mit Speer, Hellebarde und Schwert ausgefochten wird.

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Juha Koskela (Wotan), Samuel Berlad (Hunding) © Ray Behringer

Im Verlauf der besuchten Aufführung am 15. Februar 2026 steigert sich Jessey-Joy Spronk immer blühender und formschön-dramatischer in die Rolle der Sieglinde hinein. Der Hunding wird von Samuel Berlad – im Vorfeld ebenso als indisponiert angekündigt – mit melodiöser Betonung der sonst oft dunkel abgründig-interpretierten Partie gegeben. Das wirkt gut und interessant.    

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Max An (Siegmund), Peggy Steiner (Brünnhilde), Jessey-Joy Spronk (Sieglinde) © Ray Behringer

GMD Johannes Rieger am Pult der Harzer Sinfoniker spielt die reduzierte Orchesterfassung von Alfons Abbass, bei der zwar nicht immer alles zusammen geht, aber doch im Gesamtabriss ein Mehr an musikalisch aufrichtigem Musizieren steht, das an manchen Stellen auch mitreißt. Besonders gleich zu Beginn das sturmumtoste Gewittervorspiel mit ganz viel Flirren und Spannung, ein blitzsauber-funkelnder Walkürenritt und der angemessen pathetisch-ausgereizte Abschied im Finale des dritten Akts können als Pluspunkt dieses Dernièren-Abends vermerkt werden, der vor ausverkauftem Haus Lust auf die am 7. November folgende Fortsetzung mit „Siegfried“ am Harztheater macht.