Stairway to heaven: Roland Schwab stellt in seiner „Pique Dame“ für Hannover die Obsession des Protagonisten in den Vordergrund. Hermanns beeindruckende Himmelstreppe im Bühnenbild von Piero Vinciguerra ist Spiel- und Singort einer über die Akte fortwährend zurückhaltenden, aber spannenden Interpretation. Der neue GMD Francesco Angelico am Pult des Staatsorchesters funkelt, pulst und konturiert zwischen zartem Wehklang und dramatischem Ausbruch.

Das war ein gelungener Einstand: Anfangs noch etwas unsicher, steigert sich der vom Theater Kassel kommende Angelico zunehmend in eine abgeklärt rauschhafte, aber nuanciert-pointierte Vielschichtigkeit der versierten und tiefgründigen Musik des späten Tschaikowski. Und so verläuft das Zusammenspiel mit der Bühne immer präziser und im Einklang: vor allem zusammen mit dem Chor (Einstudierung Lorenzo Da Rio), der mit packender, einheitlicher und ausdrucksstarker Plastizität beeindruckt, gerät diese „Pique Dame“ in Hannover zu einem musikalischen Prunkstück, dass sich nicht in bittersüßer Melancholie verliert. Sondern die Ecken und Kanten, die Abgründe und Obsessionen betont, wie es die Regie auf der Bühne auch tut.
Über das ganze Stück hinweg ist die Himmelstreppe zentrales Element, die nach Angaben des Regisseurs von einem Casino-Eingang in San Remo inspiriert wurde. Bis in den Himmel aufzusteigen wünscht sich Hermann, spielsüchtiger Außenseiter der reichen Elite Russlands. Er möchte dazugehören, ist aber auch auf der Suche nach dem höheren Sinn. Lisa, die dem Fürsten zugedachte Frau, ist für Hermann anfangs höherer Liebes-Sinn, aus der mit fortschreitender Spielsucht aber zunehmend Obsession und Stalking wird. Roland Schwab lässt dieses innere Seelenleben seines Protagonisten durch übersteigerte Wahngesten und viel Pathos deutlich ausspielen. Das funktioniert auch gut bis zu dem Punkt, wo Lisa sich zu vor dem heruntergelassenen, eisernen Vorhang zu ihm bekennen will. Er stößt sie zurück, und sie erschießt sich kurzerhand.

In seiner plötzlichen Dramatik mag dies eindringlich erscheinen, aus der zuvor durch den roten Faden der Regie erarbeiteten, wahnhaften Beziehung Hermanns auf Lisa wirkt diese Wendung aber doch zu singulär und wenig nachvollziehbar. Das liegt auch daran, dass sich der Regisseur bis zu dem Zeitpunkt nicht auf die „drei Karten“ und die Spielsucht konzentriert, sondern dies vielmehr ausgeblendet hatte. So wird erst im Finale von den Männern Karten gespielt, während die Frauen und Mädchen ängstlich dabeistehen. Sie sind in dieser patriarchalischen Welt nur Zahlmittel und bloße Verhandlungsware.
Xavier Moreno gibt den Hermann von durchgehend sicherer Ausdruckstärke und präziser Stimmführung. Mit heller Färbung singt er seine Obsession schön aus, ohne zu forcieren. Ein gelunges Rollendebüt! Kiandra Horwath debütiert auch und ist eine blühende, formschön aussingende Lisa mit nuancierter Klangfarbe voller Verve. Sie überzeugt zusätzlich durch intensives Spiel, hohe Authentizität und Rollenidentifikation.
Überhaupt wird viel geschauspielert. Die Personenführung ist ausgefeilt, nachvollziehbar und entfaltet durch die ruhige, bescheidene Reduktion der sonstigen Elemente eine hohe Intensität.

Der weitere Besetzungszettel weist mit Anthea Barać, die eine Polina voll warmen Timbre, blühend und tiefgründig zum Besten gibt und einer jugendlich direkt aussingenden Viola Westhues als Mascha und Prilepa, eine ausgeglichen hohe Qualität aus. Auch der Fürst Jelezki wird von Max Dollinger mit schlanken, intensiven Bariton gegeben, und Philipp Jekal überzeugt als Graf Tomski.
Altstar Helen Donath singt und spielt eine adäquat-greisenhafte Gräfin, die im Rollstuhl geleitet von zwei jungen Männern ganz vorne am Bühnenrand in den ganz leisen Passagen noch deutlich zu verstehen ist, auch weil das Publikum hier gebannt lauscht.
Viel Applaus für alle Beteiligten.