„Siegfried“ und „Götterdämmerung“ in Bayreuth

Am Ende sind es die Menschen, die die Welt, ihr Überleben in und mit ihr in die Hand nehmen müssen. Die Götter danken ab in den letzten beiden Tagen des Wagnerschen “Ring”-Vierteilers. Und die KI hat sich als unkreativ erwiesen bei diesem digitalen Inszenierungsexperiment zum 150. Bestehen der Bayreuther Festspiele. Trauen wir also wieder Wagners Musik der reflektierenden Selbstaussprache, des liebevollen Zueinanderfindens und der träumerisch raunenden Vision.

Davon weiß Christian Thielemann mit dem aufmerksamen Festspielorchester zu erzählen, und das beginnen Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund als Siegfried und Brünnhilde in ihrer Liebesbegegnung im letzten “Siegfried”-Akt auch wieder zu spielen. Wenn sie sich zu “leuchtender Liebe und lachendem Tod” stimmlich-emotional hochschaukeln, liegen sie sich dann doch in den Armen, obwohl die KI-Installation von “Kurator” Marcus Lobbes bislang nur steifes Auf- und Abtreten unter den KI-erzeugten Projektionen vorgesehen hatte.

Copyright: Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele

Dass der KI dazu nur pinke Farbsoße und ein zeichentrickhaft-künstliches Paar à la Barbie und Ken einfällt, wundert schon nicht mehr. Sie versteht eben nichts von der zögernden Annäherung der wissenden Gottestochter und des naiven Menschenkinds, von dem emotionalen Vortasten, Aufrauschen, Zurückschrecken und erotischen Zusammenströmen, das Wagner wie kein anderer psychologisch genau auskomponiert hatte. Und das Thielemann mit einer Feinheit und Leidenschaft geradezu kammermusikalisch nachzeichnet. Wagner war manches, aber sicher nicht kitschig, dies KI-Bild zeigt, wie unterkomplex die angebliche Künstliche Intelligenz ist. Dass sie sowieso Menschen immer gesichtslos, verstümmelt, in Steinklumpen auskristallisierend abbildet, beweist das Nämliche: Sie ist dem Menschlichen nicht gewachsen.

Die singenden Menschen dagegen erfassen es berührend schön. Zumal Vogt mit seinem immer geschmeidigen, hellen Tenor einen jungenhaft-frischen Siegfried spüren lässt, auch bei den Schmiedeliedern kein Stimmrambo, sondern ganz der pubertierende Naturbursch, der mit einem lockeren Lied auf den Lippen seine Kraft ausprobiert. Dabei höhensicher und ausdauernd.

Copyright: Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele

Geradezu herzergreifend, wenn er in Thielemanns wunderschön filigranem Waldweben traurig “und ich bin so allein” singt. Ähnlich verloren, aber auch von der Magie des Ortes ergriffen, findet er sich in “seliger Öde auf sonniger Höh’”, die wiederum Thielemann gleißend streicherfein aus den vorherigen Tumulten entstehen lässt. Vogt schmettert nicht, auch nicht im Liebesjubel mit der erwachten Brünnhilde. Aber er gedenkt ihrer auch in der “Götterdämmerung”, vor dem Vergessen in der Aventiure wie im Erinnern kurz vorm Tod, immer mit stimmlich schön leuchtender Emotion.

Siegfrieds Trauermarsch tönt auch bei Thielemann ohne falsches heldisches Schmettern, sondern gedämpft und wirklich traurig: Wotans und Wagners Revolutionär ist tot. Das war optisch nie ergreifender ausgedrückt als in Harry Kupfers Inszenierung, wenn sich der Boden auf seiner Straße der Geschichte auftat und noch einmal der Wanderer erschien und traurig dort hineinsah. Die KI hat die Freundlichkeit, auch dieses unter den vielen eingespeicherten Inszenierungsbildern aus 150 Jahren “Ring”-Regie herbeizuzitieren.

Copyright: Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele

Nun ist es an den einfachen Menschen, die neue Weltordnung zu bauen. Brünnhilde übergibt ihnen die Macht, indem sie den Ring wieder im Rhein versenkt und die Götterburg in Brand steckt. Kinder, schafft Neues! Das ikonische Bild dazu stammt aus Chéreaus Inszenierung. Es taucht auf, dann wieder Schlieren und abstrakte Formen. Die KI schafft dieses Neue nicht. Vielleicht kann sie künftig dabei helfen, kostensparend Bühnenräume zu simulieren, das schien hier noch am gelungensten. Ganz am Ende sind wir wieder bei einem Sepia-Bild aus Richard Wagners Uraufführung 1876.

Camilla Nylund nimmt als Brünnhilde durch ihren jugendlich-munteren Sopran für sich ein. Ihre Stimme hat nicht die dunkle Unterlegung, die der Figur sofort eine hochdramatisch-tragische Anmutung gäbe – vielleicht fehlt das ein bisschen im Racheterzett der Betrogenen mit Hagen und Gunther -, sondern bleibt mit heller Farbe und lyrischer Dezenz so immer die Liebende, Menschenliebende, die sie angesichts von Siegmunds und Sieglindes Liebe einst wurde. Sie bleibt dabei keine Höhe schuldig, gestaltet die Liebesannäherung im “Siegfried” ebenso nuanciert wie den Schlussgesang, der so nicht nach Weltuntergang, sondern nach Neuanfang klingt. Die Textverständlichkeit könnte allerdings besser sein.

Copyright: Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele

Der voluminöse Wanderer von Michael Volle kann damit nochmal punkten im Wissensquiz mit dem quirlig agierenden Gerhard Siegel als Mime. Jochen Schmeckenbecher gestaltet mit dunklem Bariton Alberichs mystische Beschwörung seines Erben Hagen, dem Mika Kares mit sattem Bass besonders in seiner Wacht am Rhein bedrohliches Format gibt. Dagegen profiliert sich Magdalena Hinterdobler mit perlendem Sopran als wirklich verliebt wirkende Gutrune. Christa Mayer weiß als Erda wie als Waltraute mit satten Farben zu überzeugen. Und noch die Rheintöchter Katharina Konradi, Natalia Strycka und Marie Henriette Reinhold glänzen in schöner Harmonie.

So muss Christian Thielemann im Finale nur noch Feuer und Wasser, Macht und Sehnen plastisch übereinanderschichten, das Motiv der Liebesallgewalt weit aussingen und lange klingend im Raum stehen lassen, um Wagners musikalische Menschheitsvision einnehmend zu bekräftigen, eine menschliche Vision, die alle KI weit hinter sich lässt. Deren Gefahren wurden in diesem Experiment geradezu fahrlässig außen vor gelassen. Im geschlossenen System sich selbst überlassen, blieb sie traurig unproduktiv. Das verantwortliche Team bekam denn auch die volle Buhbreitseite ab. Dafür durfte sich das musikalische Ensemble mit Thielemann in Bravos wiegen. Die KI wird darum nicht weinen. Aber im Publikum weint ihr auch keiner nach.