„Così fan tutt*e“ in Magdeburg

Als von KI noch keine Rede war: Das Theater Magdeburg zeigt „Così fan tutt*e“ als gründerzeitliches Computerspiel in groben Pixeln und Tetris-Quadraten. Die Magdeburgische Philharmonie liefert dazu den passend eckig-perlenden Klang.

Was waren das für Zeiten in den 1980er Jahren: In den Garagen dieser Welt – vornehmlich in den Vereinigten Staaten – saßen die jungen Leute an klobigen Bildschirmen und tüftelten nerdig neue Programme und Spiele an den ersten Computern aus. Commodore 64 (der „C64“), Atari und Amiga 500 gab es ohne Festplatte, und die ersten Computerspiele mussten minutenlang geladen werden. Bill Gates‘ Garagenfirma entwickelte PCs und schaffte mit „Microsoft“ den Durchbruch.

Die ersten Jump-and-run-Spiele ruckelten und quietschten zu schrägen Sounds, während die hinabfallend und immer schneller werdenden, eckigen Steine von Tetris von den Spielenden immer fixer in eine Reihe gefügt und einsortiert werden mussten. Mit dem Aufkommen der ersten Nintendos verlagerte sich das dann erstmals in mobilere Geräte.

Und im Fernsehen wurden private Sender zugelassen, die des Abends schon mal freizügige Shows und Filme zeigten. Handys, Internet und KI? Noch Fehlanzeige und in weiter Ferne.

Auf dieser Rückbesinnung setzt Martina Gredler mit ihrer Neuproduktion an. Das Bühnenbild von Anneliese Neudecker schafft gleich zu Beginn den prägnanten Ausgangspunkt des Mozart-Spiels um Liebe- und Verwechslung durch den linksseitig engen Garagenraum mit vollgepropftem Technikmaterial, in dem die ITler der ersten Stunde, Guglielmo und Ferrando vor sich hin frickeln. Und sie träumen von Geld und Liebe. Don Alfonso, der als Joystick-Strippenzieher schon den Vorhang öffnet, überzeugt die anderen. Die Wette beginnt.

© Nilz Böhme
© Nilz Böhme

Rechtsseitig auf der Bühne sitzen Fiordiligi und Dorabella recht spießig auf dem Sofa und schauen sich einen Erotikfilm im privaten Fernsehen an. Schließlich kommt Despina im Anzug hinzu. Das Spiel beginnt, und die Ränkeleien, Verwechslungen und Verkleidungen werden in diesem Computerspiel der ganz großen Pixel – das Bühnenbild wechselt eindrucksvoll in eine 3d-Tetris-Welt – überaus adäquat und niemals ulkig und unpassend dargestellt. Das häufige Problem der kaum nachvollziehbaren Verkleidung und lächerlich wirkenden Rollentäusche wird so gekonnt vermieden.

Und oft macht das Zusehen dadurch einfach Spaß, wenn sich die Herren und Damen in bunten Tetrisquadraten (Kostüme Moana Stemberger) durch die Levels spielen.

© Nilz Böhme
© Nilz Böhme

Gespielt und gesungen wird auf sehr gutem Niveau. Textverständlich und mit hoher Authentizität verkörpern alle sechs Protagonisten ihre Rollen. Marta Kristín Friðriksdóttir ist eine für den Abend kurzfristig eingesprungene Fiordiligi von ausdrucksstarker Plastizität, die eine wunderbar packend ausgestaltete und präzise Felsenarie (Come Scoglio) zum Besten gibt. Weronika Rabek ist eine fein und nachdrücklich aussingende Dorabella mit formschönem Mezzo.

Die Männerriege wird von David Howes als Don Alfonso in weich-samtigen Bass-Bariton gegeben, während Marko Pantelić als Guglielmo mit ähnlicher Stimmfärbung seines Baritons ebenso sicher und formschön auf Linie zu überzeugen versteht. Der Ferrando von András Adamik punktet mit deutlicher und sicherer Intonation. Sheva Tehoval bringt jede Menge feuriges Bühnenspiel mit glutvoller Interpretation und Ausdeutung für ihre Darbietung der Despina mit.

Am Pult der Magdeburgischen Philharmonie findet sich Sebastiano Rolli im Verlauf präziser in die parlierende Begleitung der mozartschen Musik mit heiter-wissendem Tiefgang ein. Es perlt und erzählt, raunt und trillert zunehmend immer besser und stringenter aus dem Graben, wenn nach diversen erfolgreich durchlaufenen Computerlevels die Protagonisten zum Finale jeder für sich und offen und beliebig auf einem Tetrisstein stehen. So machen’s halt alle und nicht nur die Frauen: Der Stern im Titel weist darauf explizit hin: „Così fan tutt*e“.