„Der Freischütz“ in Braunschweig

La-La-Land auf dem Braunschweiger Burgplatz: Philipp Moschitz zeigt einen „Freischütz“ aus der Perspektive Samiels zwischen Klamauk, Witz und Romantik-Kritik. Der neue Generalmusikdirektor Friedrich Praetorius am Pult des Staatsorchesters findet im Verlauf zunehmend besser den präzisen Durchgriff mit stringentem Spannungsbogen.

Foto: Kirsten Nijhof

Carl Maria von Webers Musik ist ja trotz der eingängigen Nummern mit Ohrwurmcharakter tiefsinnig und dramatisch – seiner Zeit voraus – orchestriert. Da klingt schon sehr viel Wagner an, wenn in der Wolfsschluchtszene die Geigen flirren und man meint, das Waldweben aus „Siegfried“ zu hören. Und an dieser Stelle gelingt es dem jungen GMD in seiner ersten Premiere auch vortrefflich, zu gestalten und dramatisch zu funkeln. Schön tönen die Hörner, und herrlich strahlt der Männerchor zum „Was gleicht wohl auf Erden“.

Samiel ist in dieser Openair-Produktion der teuflische Opponent, der gleichsam kritisch beäugend die traditionelle Jäger-Männerwelt in seiner Biederlich- und Doppelbödigkeit bloßstellt und entlarvt. Der Jägerchor trällert: „Den Hirsch zu verfolgen, […], ist männlich Verlangen, erstarket die Glieder […], Tra-la-la-la-la!“, und die hintere Männerreihe stößt rhythmisch dazu die Gewehre zwischen den Männerbeinen der ersten Reihe hindurch. Auf der anderen Seite stehen die Frauen, zitternd in Hirschposition. Ob vom Dach des angrenzenden Doms, hinter der riesigen Baumskulptur, die den Braunschweiger Burglöwen fast komplett einhaust (Bühne Matthias Engelmann) oder vor dem Orchester stehend und dabei sinnierend „La-la-la…“ –  Samiel ist alter Ego dieser tradiert-überholten Freischützgesellschaft. In diesem lächerlichen La-la-Land wirken die praktizierten Riten um Freikugeln, Jungfernkranz und Männerwitz nur noch absurd und grotesk.

Marius Pallesen (Max), Lina Witte (Samiel), Foto: Kirsten Nijhof

Regisseur Moschitz hat durch die Fokussierung und Ausweitung der von Lina Witte gespielten Samiel-Partie damit auch die grundsätzliche Frage nach dem Wert des Werks aufgeworfen: „Oft genug erzählt werden auch die größten Lügengeschichten nie zur Wahrheit“, lässt er Samiel ausrufen. Brauchen wir dieses Märchen überhaupt? Eine eindeutige Antwort auf diese grundsätzliche Romantik-Kritik gibt es bis zum Schluss dieses Regieansatzes nicht. Denn Max (von Marius Pallesen angemessen ausdruckstark mit sicherer Intonation) fällt zum Finale gleich nach der ausgesprochenen Ein-Jahres-Bewährung wegen seines Sündenfalls Samiel um den Hals. Hat sich Samiel also doch ihrer zuvor so arg kritisierten Gesellschaft angeschlossen? Der Zuschauende bleibt hier etwas ratlos zurück.     

Foto: Kirsten Nijhof

Insgesamt durchziehen viele kleine Regie-Einfälle, die man lustig oder lächerlich finden kann, den Abend. Zum „Wir winden dir den Jungfernkranz“ spielen und singen sich die Frauen zum Jungesellinnenabschied überdreht in Rage. Das wirkt klamaukig, aber passend.

Immer wieder wird der Ablauf durch kurze Einwürfe Samiels gebrochen. „Jetzt singt sie wieder“ ruft sie genervt, wenn das Ännchen von Marie Maidowski erneut eine ihrer Arien anstimmt. Mit Verve und immenser musikalischer und schauspielerischer Ausdruckskraft, dabei wunderbar formschön und nuanciert-textverständlich gerät der Berliner Sopranistin diese Partie. Eine Entdeckung!

Marie Maidwoski (Ännchen), Dorothea Herbert (Agathe, rechts), Foto: Kirsten Nijhof

Dorothea Herbert gestaltet eine ebenso jugendliche wie tiefgründig-wissende Agathe. Der Kaspar wird von Joshua Bloom mit kantigem Bass gegeben, der vehement und ausdrücklich mit dem Teufel paktiert. Zachariah N. Kariithi gibt einen ausdrucksstarken Fürsten Ottokar von Format, während der Eremit von Magnus Piontek mit sattem Bass sehr überzeugt.       

Johanna Motter hat Chor und Extrachor schön kraftvoll und ausdrucksstark ohne Verstärkung klingend einstudiert. Orchester und Solist:innen haben Mikros, und so ist die Textverständlichkeit insgesamt sehr hoch.

Am Ende zollt das Publikum allen Beteiligten viel Beifall.